Die „Sprache“ der eigenen vier Wände

Die Welt ist das Alphabet, das wir entziffern.
Die Wohnung ist das Alpha und das Omega.
Wir wohnen.

Vilém Flusser

Wenn Flusser davon spricht, dass wir ohne Wohnplatz schutzlos wären, bezieht er sich weniger auf den Aspekt der Behausung als auf den Ort der täglichen individuellen Reproduktion. Eine Wohnung eröffnet beziehungsreiche, nicht selten widersprüchliche Wahrheiten über den Einzelnen. Sie kann tiefe Geheimnisse bewahren. Wohnen heißt Kommunikation mit sich und der Außenwelt hinsichtlich der eigenen Welterfahrung. Die Wohnung bietet einen, nach den persönlichen Ansprüchen gestalteten bekannten Rahmen, der es dem Individuum ermöglicht, sein Ich in der veränderlichen Außenwelt zu zeigen und zu erhalten. In den eigenen vier Wänden hat alles seinen Platz, sie bieten Verlässlichkeit, bleiben auch in den unterschiedlichen Lebensphasen authentisch und stehen so als tief sitzendes Symbol in der Vermittlung von innen und außen, von Nest und Kosmos. Die Wohnung entzieht sich einer konkreten Sprache, ihre Einrichtung beruht auf emotionalen Strukturen, enthält Reales und Erträumtes. In der Ausstellung ging es darum, eine gemeinsame Sprache des Individuellen zu finden. Die Konfrontation eines Individuums mit der sehr privaten, nahezu geheimsprachlichen Wohnwelt eines Anderen war hier von besonderem Interesse. Was können wir durch die Wohnung von einem anderen Menschen verstehen? Verändert diese direkte Konfrontation die Sicht des Einzelnen auf sich selbst, gerade weil wir uns vergleichen? Worin sind diese Räume sich ähnlich? Gibt es so etwas wie eine gemeinsame Sprache der Individualität, des Privaten?..

Emma Braslavsky (2005)

19 Antworten

  1. Der unbegrenzte Raum

    Ein Zimmer wird als menschlicher Wohnraum par excellence verstanden.
    Es ist durch 4 Wände und eine Decke strukturiert und grenzt einen unter sozialen und existenziellen Gesichtspunkten bedeutungsvollen Raum ab.

    Der Wunsch, einen konventionell begrenzten Raum zu kreieren und zu bewohnen, spiegelt das allgemeine Bedürfnis nach dem Bewahren des Privaten und Persönlichen auf die möglichst sicherste und undurchdringlichste Weise wider.

    So wären 4 gläserne Wände völlig undenkbar: im Gegenteil, es werden Fenster und Balkone allenfalls mit Rolläden, Fensterläden und Gardinen benutzt, oder mit anderen Hilfsmitteln versehen, die das Innere möglichst sicher von der Außenwelt abschirmen.

    Die Wohnung mit ihren begrenzenden Zimmern ist jedenfalls das Herz des Heimes, des Ortes der Entwicklung und Reproduktion. Sie ist der Kern, aus dem heraus sich die Beziehungen des Individuums mit der Außenwelt verzweigen.
    Die Schaffung des eigenen Nestes entsteht durch die Formgebung von Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen, die jeweils auf einem Kompromiss aus persönlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen basieren.
    Eine weiße und leere Wohnung neu einzurichten, bedeutet die verborgene und intime Urvorstellung im Hinblick auf ihre Transformation zu einer öffentlich akzeptablen und lebbaren Vorstellung zu adaptieren, denn sie wird sowohl für Fremde als auch für den Familienkern wahrnehmbar sein.

    Aber was passiert, wenn der eigene begrenzte Raum nicht mehr seine traditionellen, blickdichten 4 Wände hat und dadurch die Privatsphäre vollkommen dem öffentlichen Besitz unterwirft?
    Wo findet man das Private in der Obdachlosigkeit, wo es doch dort keine soliden physischen Grenzen gibt, die Privatsphäre von öffentlicher Sphäre trennen würden?

    Das Konzept des Privaten steht in der Tat in direktem Zusammenhang mit der Existenz einer Grenze zwischen innen und außen. Diese Grenze steckt einen geschützten Raum ab, der Möglichkeit zum „Einnisten“ bietet.
    Die Obdachlosigkeit zwingt ein Individuum dazu, im Umfeld der öffentlichen Sphäre einen privaten Raum zu suchen, Plätze zu selektieren, neue Strategien zum Schutz zu entdecken, sich kontinuierlich einen häuslichen Alltag zu erfinden.
    Die Vereinbarkeit dieser zwei gegensätzlichen Sphären – das Private im Öffentlichen – scheint dennoch möglich.
    Ein Beispiel wird von den Stadtstreichern in Bologna angeboten.
    Ihr Ort der Zusammenkunft, ihr Heim, sind die Arkaden der Via Zamboni, der bunten und studentenüberfüllten Universitätsmeile, wo es unmöglich ist, sich zu bewegen, ohne mit einem der zahllosen Studenten zusammenzuprallen.
    Unter diesen Bedingungen einen privaten Ort zu finden, und ihn einzugrenzen, ist ein sehr schwieriges, für die meisten sicherlich unmögliches Unterfangen.
    Aber dennoch sitzen die Obdachlosen von Bologna ganze Nachmittage lang unter den Arkaden, als befänden sie sich in ihrem Wohnzimmer, um ein paar Stündchen Ruhe zu genießen. Sie sitzen dort neben ihren Einkaufswagen, gefüllt mit Objekten wie Töpfen, Decken, Büchern, allerlei Nippes und Lebensmitteln.
    Jedesmal wenn man vorbeigeht, scheint es, als sei man in ihr Haus eingetreten, nachdem man an der Tür geklingelt hat und sie einen daraufhin hereingebeten haben.
    Ich erinnere mich insbesondere an einen Obdachlosen, der zum Schlafen immer seinen Kopf an die Wand der Arkaden lehnte und dort, neben seinen Kopf, ein Stück Pappe an die Wand geklebt hatte, auf die ein Fenster gemalt war.
    Eine noch intimere und häuslichere Vorstellung ist, glaube ich, schwer zu finden.
    „Zeig mir, wie du wohnst und ich, verstehe wer du bist“, ein Grundsatz, der für jedes Individuum und alle sozialen Gruppen gültigkeit hat.
    In einer solchen Situation werden die 4 Wände überflüssig, durchsichtig, und gleichzeitig, auch wenn ein Raum ohne Wände in unserer vorstellung schwer zu erzeugen ist, hat er jetzt dieselbe Kraft und Undurchdringlichkeit der 4 Wände eines Bunkers.
    Es kann nämlich kein Heim und keine Intimität geschaffen werden, wo keine Fähigkeit gegeben ist, diese zu schützen, und sei es mit Gleichgültigkeit.

    Selina Lai (2005)

  2. Eine Wohnung ist immer ein Abbild einer Lebenssituation, aber sie ist auch Teil einer “Performance”, ein Erfassungsraum einer stetigen Bewegung innerhalb der persönlichen “Einrichtung”. Das Beispiel, das ich darstelle — ich als Wohnung — ist eher performativ denn abbildhaft, denn seitdem ich 2001 nach Berlin umgezogen bin, habe ich mein Zimmer 21 Mal umgestellt. Das Foto, welches ich mit einer Videokamera über dem Kopf kollagierte ist eine Momentaufnahme des Umstellens. Ich werde damit auch nicht aufhören, denn nichts würde mich mehr töten als eine “perfekte Möbelkonstellation”. Aus meiner Sicht sollten jene grauenvollen Abbildungen in Ikeakatalogen mit perfekten Wohnungen (ohne Menschen) indiziert und aus dem Verkehr gezogen werden. Wir sind von der Perversion der Perfektion umgeben und merken es nicht, da wir uns an die Idiotie der Werbung gewöhnt haben und unsere eigene Idiotie dabei vergessen. Diese eigene Idiotie — also das “Privatmenschentum” — soll in mir zu ihrem vollen Recht kommen.
    Ich habe durch mein zweijähriges Kunststudium in New York, während dessen ich etwa 2 Monate in meinem Mini-Atelier in der 21. Strasse wohnte, die Erfahrung gemacht, dass ich eigentlich keinen Platz benötige. Dies ist keine Homeless-Philosophy, sondern einfach eine phänomenologische Reduktion meiner Gewohnheit.
    Der Raum, der bleibt, wenn man alle Gewohnheitsräume und alle vorgeprägten Vorstellungen, wie man wohnen sollte, abzieht, hat den Umfang einer Armlänge. Das wahre Wohnen findet daher im Rückzugsbereich dieses Residuums statt (Der Arm ist auch das erste Instrument des Kleinkindes, um Raum zu erfahren, und der ausgestreckte Arm eines Sterbenden ist vielleicht die letzte Raumerfahrung, die er in seinem Leben macht). Die existentielle Wohnung ist daher nicht kongruent zu den eigenen “vier Wänden”, sondern kongruent zu den eigenen “allen Vieren”. (Und nebenbei bemerkt, nicht die Sprache ist das “Haus des Seins”, sondern die Fähigkeit, alle Viere von sich zu strecken.)
    Vielleicht sind die Städte New York und Tokio die richtigen Orte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. In New York wurde mir einmal für 600 Dollar/Monat ein Liegeplatz auf einem grossen Wandschrank angeboten. Nicht, dass ich etwas gegen Wandschränke habe, aber die finnische Lady (40+x), die mir das Angebot unterbreitete, schien andere Motivationen des Zusammenlebens zu haben als ich. Auch die quer plazierte Matratze in einem Hausflur, die mir andernorts für günstige 450 Dollar angeboten wurde, konnte mich nicht überzeugen — nicht so sehr wegen des urinierten Wohnungsdufts, als vielmehr wegen der Fensterlosigkeit meines prospektiven Verlieses. Aber selbst das Finden einer Wohnung ist nicht das Ende des Verlangens. Wohnsehnsüchte kann man sowieso nicht stillen.
    Ich habe Freunde in Brooklyn, die zwar einen Mietvertrag besitzen, aber dennoch jedes Mal für einen Monat ausziehen müssen, wenn der Vermieter in die Stadt und in seine Wohnung möchte. Im Grunde ist dies kein Wohnen, sondern ein permanentes Ausweichen für ca. 1.200 Dollar pro Monat.
    In Anbetracht meiner Erfahrungen bin ich mit diesem einen Berliner Zimmer ganz zufrieden. Ich geniesse den Luxus des Nicht-Gestanks, Nicht-Umziehen-Müssens, nicht-Frieren-Müssens, usw. und freue mich dem Primat zivilisatorischen Fortschritts.
    Mich hat dieser Luxus des einen Raums andererseits nicht zu einem Fanatiker der Enge gemacht, und ich würde wahrscheinlich auf die phänomenologische Reduktion verzichten, wenn mir ein gutes Angebot mit mehr und verschwenderischem Platz unterbreitet würde. Ich wohne sowieso nur nebenbei — wie gesagt, wichtig ist das Umstellen.

  3. Britta Peters
    Die Anwesenheit der Abwesenheit

    Die Schauplätze der Serie sind private Wohnungen in Hamburg und Basel. In maßgeschneiderten Outfits, die stilistisch von der Einrichtung und Atmosphäre der Wohnungen inspiriert sind, hat sich Elke Rüss siebenmal als ständige Bewohnerin bzw. ständigen Bewohner der fremden Örtlichkeiten inszeniert. Fotografiert wurde sie dabei von Harald Popp.

    Mit dem Projekt kehrt die gelernte Kostümbildnerin Rüss die im Bereich Ausstattung übliche Reihenfolge an Arbeitsschritten um: Statt für eine bestimmte Person eine passende Umgebung zu entwickeln, erfindet sie einen Charakter zu einem bestehenden Setting. Das Wissen um die Persönlichkeit der realen Bewohner bleibt dabei ohne Einfluss. In der Wohnung zum Beispiel, in der sich die Künstlerin als leicht verschrobene, hippieeske „Marion“ zeigt, lebt tatsächlich ein 80 Jahre alter Mann.

    Die jeweils dreiteiligen Portraitserien, die die fiktiven Charaktere in ihrem vorgeblich eigenen Zuhause vorstellen, erinnern an entsprechende Bildstrecken in Frauen- und Lifestile-Magazinen. Durch die verschiedenen Fotos erhält man Einblick in die Einrichtung der Wohnung und nimmt zusätzliche Informationen über die Protagonisten auf, weil man sieht, wie sie sich an unterschiedlichen Orten bewegen. Themen, wie die Identifikation
    mit bestimmten Objekten, zum Beispiel die pinkfarbende Kommode in der Serie „Steffi“, oder Tugenden, etwa die Ordnungsliebe bei „Konstanze“, kommen darin deutlich zum Ausdruck.

    Die Arbeit provoziert Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem Wesen einer Person und den Dingen, mit denen sie sich umgibt. Anhand der Fotografien lassen sich Rituale der Selbstdarstellung reflektieren, genauso wie die Ästhetik alltäglicher Kleidung. Die Tatsache, dass es sich bei den Kostümen nicht um „Mode von der Stange“ handelt, sondern um eigens zu diesem Zweck entworfene Einzelteile, verleiht den Selbstinszenierungen dabei eine über gängige Klischees hinausreichende Überzeugungskraft. Rüss Vorstellung von den unbekannten Bewohnern findet sich in der Serie bis ins Detail gespiegelt – und auf den eigenen Körper projiziert.

  4. Jens Thiele
    Mazzinis Welt – Claudia Ohmert

    Um zu wissen, wie jemand lebt, besonders wenn Zwei zusammen leben, ist es wichtig, deren Wohnung, zumindest einen Teil davon, zu kennen. Sobald ich also „weiß“, wie die Biographie des Probanden aussieht, werde ich mir überlegen, welcher Raum in dessen Wohnung wohl am ehesten die Besonderheiten und Eigenarten der Bewohner und der Art ihres Zusammenlebens widerspiegeln. (Claudia Ohmert)

    Biografien erfinden, die es schon gibt; Lebensorte rekonstruieren, die realiter bereits existieren – Mazzinis Welt von Claudia Ohmert ist ein künstlerischer Indizienprozess. Inspiriert durch Christoph Ransmayrs Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ und dessen Held Joseph Mazzini lässt sich die Künstlerin suchend und experimentierend auf verschiedene Realitäten ein, die sie im Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung immer dichter aneinander rückt, ohne sie je ineinander übergehen zu lassen.

    Der erdachte und antizipierte Lebensort der befragten Person wird von der Künstlerin auf der Basis der spärlichen Informationen, vor allem aber der eigenen Fantasie rekonstruiert. Dabei geht sie bewusst das Risiko ein, dass die eigene Wahrnehmung sie auf fremde Pfade führt, die sich weit entfernen können von dem realen, aber unbekannten Lebensort. Wer Spurensuche so offen und hypothetisch betreibt, interessiert sich nicht für den einen Begriff von Realität, sondern für die Möglichkeiten vieler Realitäten, für die produktiven Spannungen, Brüche und Widersprüche zwischen den Facetten von Wirklichkeit. So liegt der Fokus für den Betrachter von Mazzinis Weit in den Wechselspielen zwischen den erdachten, künstlerisch inszenierten Lebensorten und den tatsächlichen Lebensräumen der angesprochenen Personen.

  5. Maßstabsprünge – unser Muster
     
    Jede private Wohnung hat ein den Gästen zugewandtes Gesicht. Dieses wird ausgestellt. Das Übrige bleibt Raum für Vermutungen und Spekulationen – jenseits einer zugänglichen Schwelle. Doch auch das öffentliche Gesicht ist von Grenzen und Schwellen durchzogen. Es gibt Gegenstände, die man eingehend studieren, aber nicht anfassen, gar mitnehmen soll. Das jeweilige Verhalten regeln die ungeschriebenen Gesetze. Wer sie nicht kennt, überschreitet ungewollt die Grenzen der Peinlichkeit. Wer sie kennt, kann sie gezielt überspringen.

    Die Wechsel zwischen verschiedenen kulturellen Feldern sind Sprünge solcher Art: Maßstabsprünge. Sie werden auch im Wechsel von öffentlichem Stadtraum zum privatem Wohnraum spürbar und anschaulich.

    Entsprechend haben wir konzipiert. Aus der Einbeziehung unterschiedlicher kultureller Hintergründe ergab sich ein Flechtwerk von Gedankenlinien. Die je einzelnen (kulturellen) Fäden sollten sichtbar bleiben und verwoben ein neues Muster, ergeben: unser Muster.
     
    Im Raumgefüge gibt es drei Stationen:
    1. kleine Kammer mit dezenter Anziehung, unser Zugang
    2. Entrée mit betonter Schwelle
    3) Wohnraum zum Verweilen
     
    Der Durchgang in der Abfolge der Räume – so stellen wir uns vor – gleicht dem vorsichtigen Vollzug eines Ritus, den der Gast unausweichlich und notwendig passieren muß. Hier wird er auf das Innere konditioniert. Die Wohnung hat durch die Fenster einen Bezug zum Stadtraum. Die gerade im privaten verschiedenen Kulturen (z.B. türkisch, deutsch, italienisch) überlagern sich innerhalb des Raumes genauso wie sie sich auf der Straße miteinander verweben oder ausschließen.

    Der private Raum ist bedroht. Daher fühlt sich das Individuum, der Einzelne privatim, der Zurückgezogene bedroht. In der Wohnung finden sich die Meisten wieder, sehen ihre Eigentümlichkeit und erkennen ihr Bild von sich aufgehoben im einem abgegrenzten Raum – finden das darin, was Roland Barthes in photographischen Portraits von sich wieder finden wollte: l‘essence imaginaire, sein unaussprechliches Geheimnis, seine texture morale fine. Wenn aber die Gleichung von Photographie und Wohnung zu den Grundbedingungen des gastfreundlichen I House You gehört, so kann man nicht darüber hinwegsehen, daß es sich um Studioaufnahmen handelt: staged photography.

    “Die Wohnung bewahrt unser tiefstes Geheimnis“, faßt das Konzeptpapier des Netzmuseums die Voraussetzung der Initiative in einen Satz. Dieses Geheimnis entwickelte sich in der Zeit gelebten Lebens im Raum. Wenn wir also ein Portrait unserer Vorstellung unseres Zusammenlebens machen, dann können wir uns auf ein Echo in unserem Atelier berufen und Maßstabsprünge – unser Muster- ist deshalb ein den Gästen und Klienten zugewandtes Pendant: unser Selbstportrait im Nichtganzalltäglichen.

    Die Gleichung von Kunst und Wohnung liegt in der analogen Forderung, dieses Geheimnis zu offenbaren und mit einer eigenen Handschrift, Originalität und eigenem Stil zu präsentieren – mehr zu zeigen und mehr zum Ausdruck zu bringen als ein gewitztes Einrichtungshaus im Schaufenster beim Tag der offenen Tür es vermag. Wie können wir das So-tun-als-ob verlassen? Durch Wohnen oder kunstnahe Konzeption. Da Wohnen realiter nicht möglich ist und sich deshalb auch keine Spuren bilden, die unversehens das Geheimnis erzeugen, haben wir es mit einer Raum-Installation zu tun. Selbst das Authentische ist künstlich. Und da wir keine Leichen lagern oder Erschlagene liegen lassen, fehlt jedes Drama. Wir suggerieren keine Geschichte, sondern erstellen ein Sinnbild. Walter Benjamin hatte darauf bestanden: “Farbe muß gesehen werden“. So auch die Wohnung. Die Raumsprache des Individuellen können wir uns nur als ständiges Springen von Rolle zu Rolle und Sprache zu Sprache von Gastgebern vorstellen – im Raum ein Phänomen der Performance und der Erfahrung, nicht der Kommunikationstheorie, sondern der Praxis.

    Gottfried Semper hatte in seiner Theorie der Bekleidung in der Architektur auf die Verwandtschaft von textilen Strukturen – Gewebtes, Geflochtenes – und dem Wandschmuck aufmerksam gemacht. Claude Lévi-Strauss verglich im gedanklichen Anschluß daran die traditionelle Wohnhausarchitektur mit einer dritten Haut, die die Bewohner nach den selben kulturellen Regeln wie ihre Kleidung und sich selbst schmücken. Seine These setzt die Beobachtung voraus, dass die Muster von Kleidung, Schmuck und Wand ähnlich sind. Er sprach von kulturellen Regeln in einer weitgehend homogen Gesellschaft. Dies lässt sich nicht mehr voraussetzen. Entsprechend die Sprünge, Ellipsen und Löcher im Gewebe. In diesen Auslassungen finden wir uns wieder.

  6. sprachraum (no sprachspiel intended)

    „wo keine sprache west, wie im sein von stein,
    pflanze und tier, da ist auch keine offenheit
    des seienden und demzufolge auch keine solche
    des nichtseienden und des leeren.“

    martin heidegger: der ursprung des kunstwerks

    sprache, man sagt das so, als würde man wissen, wovon man spricht. ein sprachraum bietet ein wenig unterstützung, man kennt sich aus. sprechen mit einem anderen menschen, man spricht die selbe sprache. bei aller unschärfe: austausch zwischen menschlichen gehirnen, auf dem sprech-mich!-expressway. sich in den sprachraum begeben, sich einen schaffen. ist die welt mit sprache tapeziert, und die wand sehen wir nie? – mal kräftig dagegen treten!

    beim austausch zwischen menschlichen gehirnen mittels sprache werden zeichen ausgetauscht, auf einem gemeinsamen medium angeboten… schon die fragestellung – sprache als medium – ist nur schwer zu ertragen, ein ekliges monster-wort trifft auf ein anderes und dann zeugen sie symposien. ich verwerfe sie (die sprache?).

    aber sprache geht über zeichen? zeichen auf dem band einer turing-maschine? – ja, vermutlich ja, wie so manches andere. – das geschreibsel hier ist doch ein furchtbarer quatsch. es versucht, sprache und raum in ein verhältnis zu setzen, – als wäre das so einfach. noch der letzte satz (über „sprache und raum“) war nur irgend dahergesagt und hatte schon gar nichts mehr mit „sprache und zeichen“ zu tun. ausgesprochen unverantwortlich, bei der sprachproduktion geht es schlimm zu.

    auf der wand sollte irgendwas über the writing on the wall stehen. “siehst du nicht die zeichen an der wand, balsazar?“ dieser text dient einem katalog und einer wand bzw. einem raum aus wänden, decke, boden. wenn man da witzig sein möchte, gebietet sich die waffe der selbst-reflexivität. wand, wenn, witzig, waffe – die schäfchen der alliteration wittern den stil-stall. „siehst du nicht die zeichen des stil-stalls?“ the staling on the still. ich bin ein katalogtext, ich aber ein wandtext. liest mich irgendjemand? wer fragt?

    sprachwissenschaft

    grob lassen sich zwei wissenschaftliche haltungen zu sprache konstatieren:

    die „geisteswissenschaftliche“: sprache (gerne wird auch „kommunikation“ oder etwa „diskurs“ verwendet) als allmacht wittgensteinscher prägung. schon er hatte nie klar definiert, was er mit „sprache“ eigentlich meint, ob z.b. die gesprochene „natürliche“ sprache des alltag oder vielleicht doch sprache als metapher für die ganze welt. aber das stört die gemeinten positionen nicht, ob sie nun analytische philosophie oder diskursanalyse heißen, müssen sie im zweifelsfall doch „sprache“ nur ausdehnen; und schon haben wir „körpersprache“, „die sprache der gedanken“, „die sprache der natur“, „die sprache des individuellen“ etc. der begriff „sprache“ wird immer mehr verwässert, auf alle verwässerungsgebiete werden aber nimbus und pathos von „sprache“ als das, was menschen von anderen tieren unterscheiden soll, implizit mitgenommen.

    die „naturwissenschaftliche“: sprache im alltäglichen sinne besitzt für die wissenschaftliche arbeit nur eine begrenzte rolle. vielleicht gilt es tatsächlich, eine „sprache der natur“ zu verstehen, aber ausdruck dieses verstehens werden vor allem formeln sein oder vielleicht computersimulationen; wenn die auch „sprache“ sein sollen, wird das wort zu groß und schließlich unbrauchbar. das ergebnis eines wissenschaftlichen versuchs besteht nicht in einem „sprachspiel“, und sei es eines der „sprache der mathematik“. unter pragmatischen aspekten gibt es kein „sprachproblem“.

    sprechen kann man eh schon, und das verleitet sprechend der sprache diese enorme wichtigkeit zuzusprechen. – aber ohne scherz: programmiersprachen werden ausreichen, um „natürliche“ sprache in weisen zu verwenden, die den „natürlichen“ sprecher erstaunen, wenn nicht sprachlos machen werden. dann hat die angeberei mit der wichtigkeit von sprache ein ende.

    my own personal sprachraum

    „meine sätze erläutern dadurch, daß sie der,
    welcher mich versteht, am ende als unsinnig erkennt,
    wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.
    (er muß sozusagen die leiter wegwerfen,
    nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
    er muß diese sätze überwinden, dann sieht er die welt richtig.“
    ludwig wittgenstein: tractatus logico-philosophicus, 6.54

    ich weiß nicht, ob heidegger selbst das humoristische moment seiner texte bemerkt hat; es fällt mir ungemein schwer, ihn anders als als schrulligen dichter zu lesen, aber immerhin: bei „stein, pflanze und tier“ „west“ keine sprache – klare linien freude machen. wir kommen darauf zurück.

  7. wasserschildkrötenblick

    mein zimmer, mein fluchtort, mein gedankenkochtopf, meine beutehöhle. „ a room of my own“ – ein konzentrierter mikrokosmos, im dem ich alles bestimme. das licht, luftdicht, sound, temperatur. isoliert von der alltags-informationsattacke. hier ist der ort für lange gedanken ohne unterbrechungen, der raum, in dem ich meinen körper verlasse und auf lange kopfreisen gehe. selten lade ich in dieses zimmer eine andere person ein. aber wenn doch, dann das ist er auch mein raum der selbstinszenierung. meine enge eigene bühne, die mir den besucher/zuschauer so nahe bringt, das er in meine augen sehen kann. Mein zimmer ist ein raum, der sich für intime gespräche eignet – mit mir selbst oder mit anderen.
    allerdings erdrücken mich manchmal die wände. auch ein zufluchtort braucht einen notausgang. ich könnte telefonieren oder auch den fernseher öffnen, aber dann gebe ich auch meine gewünschte isolation auf. und die reinheit, die ich benötige. Ich muss rauskommen, ohne die eierschale zu zerbrechen. ohne die traumblase zu zerplatzen. dafür brauche ich einen tiefen und weiten ausblick: himmel, berglandschaft oder meerblick. der meerblick ist mein dafür am besten geeignet und mein lieblingsausblick. das element wasser beruhigt meine augen und seele.
    um irgentwo bleiben und wohnen zu können, brauche ich, wenn nicht meerblick, dann vielleicht seeblick oder aber noch einen guten fluss oder mindestens einen wasserkanal. und wenn das auch nicht möglich ist, und ich habe aber einen hof für mich, dann werde ich mir einen japanischen garten bauen mit mini-wasserblick, der nur für mein fenster geeignet ist – und wie eine schildkröte am fluss mit dem kopf im panzer schaue ich vom fenster aus aufs wasser.

  8. [REMOTE DESKTOP / ENTFERNT SCHREIBTISCH]
    NOTEBOOK. NOTIZEN AUS DER PRODUKTION / von KOLJA MENSING

    FENSTER ZUM HOF

    Das junge Paar zog im Seitenflügel ein. Die beiden legten keinen Wert auf Vorhänge, und so nahm ich teil an ihrem eindrucksvoll strukturierten Feierabend. Wenn ich mich am späten Vormittag an meinen Schreibtisch setzte, um zunächst einmal eine halbe Stunde wahllos durch das Internet zu surfen, hatten die beiden natürlich bereits zielstrebig ihre Wohnung verlassen. Am frühen Abend kehrten sie dann gemeinsam heim, setzten sich an den großzügigen Tisch in ihrer Wohnküche und aßen. Nach dem Abwasch holten sie ihre Notebooks heraus, schenkten sich noch etwas Rotwein in die langstieligen Gläser ein und widmeten sich schweigsam für ein oder zwei Stunden ihren Emails. An manchen Tagen erledigten sie, ihrem konzentrierten Gesichtsausdruck zufolge, wohl auch einen Teil der Arbeit, den sie tagsüber im Büro nicht geschafft hatten. Anschließend zogen sie sich mit einem der beiden Computer ins Schlafzimmer zurück, das ebenfalls gut einzusehen war, und nur wenig später flackerten blaue Schatten über ihre Gesichter. Sie schauten einen Film. Zuletzt, wenn ihre DVD zu Ende war, hatten sie noch Sex, und weil sie dabei gerne eine Nachtischlampe brennen ließen, wurden ihre professionell wirkenden Stellungen bestens ausgeleuchtet. Spätestens um Mitternacht löschten sie das Licht, um sich schlafen zu legen und Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. – In einem bemerkenswerten Kontrast zu diesem Pärchen stand der nicht mehr ganz so junge Mann, der im Stockwerk über ihnen lebte. Er stand erst am späten Nachmittag auf, entfernte eine aus alten Wolldecken improvisierte Verdunklung von seinem Fenster und hörte zum Aufwachen zwei Stunden lang laut Musik aus den Siebzigerjahren. Nachts lief er manchmal nur mit einem Bettlaken bekleidet durch die Wohnung, schwang einen abgesägten Besenstiel wie ein Schwert und deklamierte lauthals Verse. Auch er hatte keine Vorhänge. Das Sonderbare war, dass er und das junge Paar vor einem halben Jahr am gleichen Wochenende auszogen. Seitdem ist die Arbeit am Schreibtisch nicht mehr die gleiche.

    KULTURELLES KAPITAL

    Die Honorare für Literaturrezensionen und kleinere schriftstellerische Arbeiten sind nicht gerade hoch. Ein- oder zweimal im Jahr passiert es darum. Das Konto ist erst leer, dann wächst das Soll und zuletzt wird der auf 600 Euro festgelegte Dispo überschritten. Am Geldautomaten ist „keine Auszahlung möglich“, die Miete und die Telefonrechnung werden nicht mehr eingezogen, und nur die Bank bucht noch regelmäßig einen nicht näher bestimmten Betrag von 6,14 Euro in eigener Sache ab. Immerhin ließ sich Letzteres schnell klären. „Das ist die Bearbeitungsgebühr für die Lastschriften, die wir mangels Deckung zurückgeben müssen“, setzte mir die Sachbearbeiterin auseinander, als ich wieder einmal in meiner Filiale anrief, um mein Konto entsperren zu lassen. Dann begann das Verhör.

    „Was sind Sie eigentlich von Beruf?“
    „Journalist.“
    „Sie meinen freier Mitarbeiter?“
    „Selbständig.“
    „Also keine regelmäßigen Gehaltszahlungen.“
    „Bald kommt wieder was.“
    „Wann genau wird das sein?“

    Nach längeren Verhandlungen bekam ich einen Überziehungskredit bewilligt, zu hohen Zinsen und begrenzt auf zwei Wochen. Meine Sachbearbeiterin stellte mir darüber hinaus großzügigerweise einen höheren Dispositionskredit in Aussicht, bestand allerdings darauf, zunächst über einen gewissen Zeitraum hinweg meine Kontobewegungen zu beobachten. Wir haben bisher noch nicht wieder miteinander gesprochen, aber das Gefühl, das jemand zumindest die ökonomischen Aspekt meiner Arbeit im Auge behält, ist sehr beruhigend.

    HOME OFFICE

    Als Kind verbrachte ich die Nachmittage oft im Arbeitszimmer meines Vaters. Während er an seinem hellbraun furnierten Schreibtisch saß und Klassenarbeiten korrigierte oder Unterrichtsstunden vorbereitete, drehte ich an dem Globus, der in der Zimmerecke stand, nahm einen der 24 Bände der Brockhaus-Taschenbuchausgabe aus dem Regal oder betrachtete die Postkarten mit politischen Karikaturen, die er an die Pinnwand über dem Heizkörper geheftet hatte. Manchmal öffnete er für mich die unterste Schublade des Schreibtisches. Dann durfte ich in dem Durcheinander aus alten Stempeln, ausgetrockneten Kugelschreibern und fleckigem Löschpapier kramen, lange Ketten ineinander verhakter Büroklammern aus kleinen Pappkartons hervorziehen und die großzügig aus Umschlägen herausgeschnittenen Briefmarken betrachten, die er sammelte, ohne sie je in ein Album zu sortieren. Ganz hinten in der Schublade lagen ein Vergrößerungsglas und zwei alte Armbanduhren mit zerschlissenen Lederbändern, die seinem Großvater gehört hatten und schon vor Jahren stehen geblieben waren. Manchmal lief das Kofferradio, das Telefon klingelte damals fast nie. – Mein eigener Schreibtisch, an dem ich heute den Tag über sitze, hat keine Schubladen. Er besteht aus einer einfachen Platte, die ich vor Jahren bei Ikea gekauft habe, und zwei Metallständern. Wenn ich allerdings zurück in mein Arbeitszimmer komme, nachdem ich mir aus der Küche einen Kaffee geholt habe oder zum Postkasten gegangen bin, ruft bereits ein Hauch verbrauchter Luft die Erinnerung an den vertrauten Geruch im Zimmer meines Vaters hervor. Ich zögere jedes Mal, bevor ich das Fenster öffne.

    ALLEIN ZU HAUS

    Der Tag beginnt mit einem leeren Bildschirm. Die meisten freiberuflichen Journalisten und Schriftsteller entwickeln daher über die Jahre hinweg die eine oder andere List, um der scheinbar endlosen Zeit, die zwischen dem Hochfahren des Computers und einer halbwegs gefüllten Seite liegt, ein Schnippchen zu schlagen. A., mit dem ich mich einige Jahre lang regelmäßig traf, war ein echter Experte für diese Tricks geworden. Zunächst hatte er sich noch mit einigen Tassen aufwändig zubereitetem grünen Tee über den Tag gerettet. Dann entwickelte er allerdings immer ausgeklügeltere Verfahren, um sich während der einsamen Arbeit am Schreibtisch zu motivieren und die Hürde vor dem nächsten Satz oder Absatz leichter zu nehmen. Eine Zeitlang stellte er den Wecker immer früher, um gewissermaßen schon vor dem Aufstehen die ersten Wörter in den Computer zu tippen. Als dann jedoch mit dem zwangsläufig steigenden Kaffeekonsum sein Magen Probleme machte und sich sein leichter Hang zur Hypochondrie zu einem ernsthaften Problem ausgewachsen hatte, beschäftigte er sich statt dessen mit verschiedenen Meditationstechniken und begann schließlich sogar eine Psychotherapie, von der er während unserer Treffen begeistert erzählte. Als er mit seinem Roman fertig war und wieder Theaterkritiken für die Zeitung schrieb, wurde die Angst vor dem weißen Blatt Papier jedoch von Tag zu Tag größer, und so experimentierte er einige Monate damit, sich selbst gewissermaßen kontrolliert unter Druck zu setzten – und erst eine knappe Stunde vor Redaktionsschluss mit seinen Texten zu beginnen. Damals sahen wir uns schon seltener, und das Letzte, was ich von A. hörte, war, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Zunächst hatte er wohl versucht, ihn mit einem zehntätigen All-Inclusive-Urlaub in einer Tunesischen Hotelanlage zu kurieren. Schließlich entschloss er sich jedoch, seine Arbeit ganz aufzugeben, und ein Bekannter erzählte, er sei mittlerweile ausgewandert. Aber das war vielleicht auch nur ein Gerücht.

  9. zimmer-zimmer

    zu meinen schönen erinnerungen aus meiner kindheit gehört die geschichte mit meiner
    jüngsten schwester: da war sie noch sehr klein; was Zimmer bedeutet, wusste sie
    schon. kinderzimmer konnte sie nicht begreifen. so nannte sie ihr zimmer: zimmer-zimmer.

    1984 war ich mit eva thomkins, der mutter von natalie, in seillans, im tal der var in südfrankreich. wir waren gäste im haus des ende der 70er Jahre verstorbenen Malers
    max ernst. am zweiten tag unseres aufenthaltes ist mir im orientalisch-eingerichteten zimmer etwas schreckliches passiert: das zimmer wurde tagsüber abgedunkelt. ich lief durch den garten und die veranda, einen mit gaze bespannten gaum, in dem man vor insekten geschützt, ungestört sitzen konnte, in dem aber unzählige schmetterlinge gefangen waren, denn die tür blieb oft geöffnet (die schmetterlinge habe ich alle befreit), ins zimmer, öffnete die tür und stürzte eine steile kellertreppe hinunter.
    die schmetterlinge und der buddha haben mir das leben gerettet.

    paddy lovely und seine frau belle haben sich wie viele künstlerinnen und künstler in
    seillans niedergelassen. ich lernte die beiden bald kennen und sah bei ihnen zum ersten
    mal kariertes geschirr. in ihrer bäuerlich, provencialisch eingerichteten wohnküche steckten im küchenschrank, hinter holzleisten abgesichert, grün, dunkelgrün-karierte teller, hingen tassen, stand eine kanne. ich ließ mich ablenken und trösten von der schlichtheit dieses zimmers und der ruhigen landschaft.

    sechs jahre später war ich wieder dort, in seillans – und danach noch zwei weitere male.
    bei meinem zweiten aufenthalt war ich mit horst wagner unterwegs. wir haben bei madame X im hotel „des deux roces“ ein zimmer gemietet. das Zimmer, das sie uns gab, war das schönste: die wände waren mit rotkariertem stoff bespannt, aus gleichem stoff waren die vorhänge, und die tagesdecke über dem bett. aus dem fenster sah man die deux roces. vom brunnen, der gegenüber des hotels an der glücklichsten stelle stand, sah man weit in das tal der var, hört man tag und nacht das plätschern des wassers. mittags und abends wird an den tischen, die um den brunnen herumdrapiert sind, das essen serviert, unter zwei riesigen platanen.

    natalie hat dieses paradies gemalt. in dem katalog, den das haus am lützowplatz aus
    anlass der ausstellung „die thomkins – eine künstlerfamilie“ 1994 herausgegeben hat, ist
    dieses bild enthalten.

    in berlin und überall, wo ich später war, habe ich nach dem karo gesucht. vergeblich.

    1996 bin umgezogen. die wohnung war renoviert; aber die weißen wände schrieen nach
    farbe. da habe ich natalie thomkins gebeten, die zimmer auszumalen. mit grünem karo.

  10. Mein Raum

    Zuallerst stand ich vor der Frage – welchen Raum möchte ich zeigen? Ein Arbeitsstudio, ein Wohnzimmer? Als Student wohnte ich in einem winzigen Zimmer mit Bett, Regalen, Schrank, Tisch und Stuhl – und kaum Platz zu stehen. Leben und Arbeiten kombiniert auf engstem Raum. Ich entschied mich für einen Arbeitsraum, wo ich nicht schlafe oder esse. (Es gibt auch keinen Raum, in dem ich mich entspanne, denn irgendwie entspanne ich mich nicht…)

    Als Rabbiner muss ich in ganz unterschiedlichen Synagogen und anderen Plätzen arbeiten – in den meisten Fällen existierte der Raum bereits, der Tisch war schon da, Steckdosen und Telefonanschlüsse bestimmten, wo bestimmte Dinge sein sollten – und meine Aufgabe schien es nur zu sein, Bücher und Akten aus meinen Kartons zu holen, sie reinzustellen und mit der Arbeit zu beginnen. Viel Nachdenken über Raumdesign war niemals gefragt. Es gab auch nie wirklich ein Budget für irgendetwas Besonderes. Menschen kommen zu mir, nicht um beeindruckt zu werden, sondern um ihre Probleme und Bedürfnisse zu besprechen. Augenblicklich arbeite ich vor allem von zu Hause aus, und den Rest der Zeit an meinem Laptop (oder „Schlepptop“) in Zügen, oder auch in den Räumlichkeiten anderer Gemeinden in München, Köln, Halle, Bad Segeberg, Pinneberg, Kiel etc. Ich habe kaum eine Wahl, wie diese Räume eingerichtet sind.

    Aber – ich habe in einer Vielzahl von Räumen in meinem Leben gelebt. Wenn ich zurückblicke, sind sie alle in zwei Richtungen charakterisierbar:

    Auf der einen Seite erinnere ich mich immer daran, dass überall nur vorübergehend ist – man lernt vor allem als Jude, als Rabbiner, mobil zu sein, nicht zu viel in Einbauschränke und teure Möbel, Teppiche und Kronleuchter zu investieren. Der Raum muss praktisch sein, es ist ein Ort, an dem man sitzt und arbeitet und tut, was es zu tun gibt. Man könnte wieder raus müssen, vielleicht sogar schnell. Eine Position in einer spezifischen Gemeinde könnte enden, und dann muss man alles wieder zusammenpacken. Einige Male musste ich alles zusammenpacken und einen Job und einen Ort verlassen – und füllte Kartons mit Büchern und Papieren. Wir schafften einen ganzen Container voll von Aruba in die Karibik, wo ich für eine Weile als Rabbiner gearbeitet habe, und dann brachten wir den ganzen Container zurück nach Europa.

    Die andere – entgegengesetzte – Richtung ist eine Obsession Papier zu sammeln, Sammlungen aufzubauen, Archive, Regale zu füllen mit Büchern, die niemand jemals wieder weggeben kann. Ich habe es mit der Geschichte, mit Aufzeichnungen davon, was passiert ist. Ich sammle Magazinreihen, Versammlungsakten, Notizen von alten Meetings und nicht zuletzt gewaltige Reihen an Ordnern und Registern mit Notizen und Materialien für meine Doktorarbeit – die sich nun schon über zwanzig Jahre erstreckt – und für mein Hobby als Herausgeber und Redakteur eines Magazins über Eisenbahnen aus dem Nahen Osten. Die Familienpapiere, die Haushaltakten, die Fotos der Kinder – dafür braucht man auch Platz. So wie ich gleichzeitig in verschiedenen Gemeinden arbeite – bin ich zurzeit weniger ein „Liberaler Rabbiner“ als eher ein „Überaller Rabbiner“ – was heißt, einen Haufen Karten, Stadtpläne und Zugfahrpläne bei sich zu tragen. Ich fahre nicht Auto – in einer Stadt ist es sinnlos und zwischen den Städten ist die Bahn eine wundervolle Alternative – und ich verbringe viel Zeit in Hotelzimmern und als Gast mit Gemeindemitgliedern, so habe ich einen Großteil der Zeit aus meiner Tasche zu arbeiten – mit meinem Laptop.

    Außerdem bin ich technophob. Ich brauche meine Frau, um Computerprogramme zu installieren und meinen Sohn oder meine Tochter, um den Scanner zu bedienen. Ein Wald von Kabeln bringt mich um den Verstand. Ich kann gerade mal eine Druckerpatrone wechseln. Selten arbeite ich mit dem Internet, ich habe keine Zeit in Ruhe zu surfen, ich hasse es auch, über den Computer Tickets zu buchen oder Banksachen zu erledigen – ich brauche den persönlichen Kontakt, das Lächeln, die Möglichkeit zu fragen und nicht nur einen Mausklick zu machen. Aber ich liebe E-mail, und dadurch in Kontakt mit meinen Kollegen und Gemeinden zu bleiben. Und ich schreibe und schreibe und schreibe – ich arbeite mit Worten, nicht Bildern, und ein Wort-Prozessor ist wunderbar, weil man zu einer Predigt zurückkommen kann, zu einem Artikel, einer Kurzgeschichte, einem Bibelkommentar und immer neue Gedanken und Ideen hinzufügen kann, wo immer es nötig ist. Also, trotz meines Horrors vor elektronischen Dingen ist der Computer zu einem vitalen Teil in meinem Leben geworden.

    Und in jedem Raum, in dem ich gelebt habe, habe ich eine Schlacht gekämpft – und beständig verloren -, alles ordentlich zu halten. Bücher wurden in Doppelreihen gestapelt, Akten verteilten sich auf dem Boden, Papiere wurden zu Haufen von ganz alleine. Es ärgert mich, deprimiert mich – aber so sind die Dinge eben. Aufzuhören und alles einzuordnen würde mich zu viel Geduld kosten, und ich bin schon wieder auf halben Wege zur nächsten Idee…

    Ein Raum wächst um eine Person. Ich musste einmal zwei Wochen in einem Krankenhaus, auf der Isolierstation verbringen. Am Ende hatte ich Postkarten an den Wänden, Bücher , Vasen, Geschirr und andere seltsame Dinge – er wurde „mein Raum“. Aber ich war immer noch froh, da rauszukommen, zurück in die Welt…

  11. Der Chamäleon-Effekt
    Es gibt viele Gründe dafür, seine Wohnung voll zu stellen: Volle Wohnungen lassen einen auch als Ein-Personen-Haushalt beschäftigt aussehen. Volle Wohnungen spenden Geborgenheit. Volle Wohnungen haben im Dunkeln etwas von einer kleinen Geisterbahn. Volle Wohnungen sind gemütlich. In vollen Wohnungen kann man immer wieder neue, aufregende Wege begehen, neue Schneisen vom Bett zum Kühlschrank und von der Tür zum Tisch schlagen. Volle Wohnungen muss man nicht so oft aufräumen, weil man ohnehin nicht erkennt, ob aufgeräumt ist oder nicht.
    Meine Wohnungen sind meistens so voll, dass ich bei jedem Umzug ein paar Freunde verliere. Und sie sind meistens so unaufgeräumt, dass ich wirklich hoffe, meinen letzten Atemzug irgendwann einmal an einer Bushaltestelle oder am Strand zu tun, denn in meine Wohnung passen keine zwei Sanitäter mit Bahre.
    Durch jahrelange Beobachtung habe ich herausfinden können, woran es liegt, dass meine Zimmer immer aussehen wie die von William Kotzwinkles „Fan Man“: Wenn in meiner Wohnung etwas lange genug als Haufen oder auch solo herumliegt, nimmt es die Farbe bzw. Form der Umgebung an und fällt mir nicht mehr auf. Selbst wenn ich wollte, könnte ich es dann nicht mehr wegräumen – ich sehe es nicht mehr! Der zeitliche Rahmen, in dem dieses Phänomen auftritt, ist dabei unterschiedlich: Manche Dinge verschwinden nach Sekunden, andere stören mich noch zwei Wochen, bis sie sich endlich ins Gesamtbild eingefügt haben. Sie sind dann üblicherweise so sehr mit dem Restzimmer vermischt, dass ich sie sogar beim speziellen Suchen nicht mehr ausfindig machen und separieren kann.
    Dieses Zimmer soll jenen so genannten Chamäleon-Effekt verdeutlichen: Es gibt, neben den üblichen Wohnaccessoires, auch immer noch die Zeughaufen-Ausführung der Materie. Der/die BesucherIn soll so die Schwierigkeiten nachempfinden können, die ich beim Aufräumen erlebe. Betrachten Sie mein Zimmer doch einfach als ein großes Mimikry-Experiment. Längerfristig hoffe ich natürlich auch auf Verständnis und Toleranz beim nächsten Freundschaftsbesuch. Vielen Dank.
    JENNI ZYLKA

  12. was ist “a place to remember“?

    Ich kann dir vielleicht erzählen, wie ich darauf gekommen bin, diese Idee zu entwickeln: Zuerst hatte ich keine konkrete Idee, weil ich, glaub ich, jemand bin, der sich am meisten zu Hause fühlt, wenn er unterwegs ist, d.h. wenn ich in einen Zug steige und irgendwohin fahre, habe ich das Gefühl, ich bin im Zug gerade zu Hause. Also, die Bewegung, die Veränderung gefällt mir, ich fühle mich darin wohl. Dagegen: wenn ich wirklich länger zu Hause bin, werde ich meistens unruhig.
    Ich hatte zuerst so eine Idee, einen Raum zu machen, der im Prinzip das „zu Hause über sein“ thematisiert; aber ich hatte keine richtige Idee, wie man es technisch lösen soll.

    Dann war ich jetzt im Urlaub auf den Kanaren und es gibt dort eine Tradition dass, wenn jemand stirbt, werden dort Blätter mit einer Todesanzeige, als Kopie, an Stellen oder eine Bar gelegt mit einem Text darüber, darauf ein Stein zum durchlesen. Man sieht die überall auf der Insel: diese Zettel mit Stein.
    als ich mit Auto gefahren bin und irgendwo in einer Feldnische hielt, gab es so einen Stuhl mit so einem alten Schirm. und da lagen auch diese Blättern zum lesen. da kam mir die Idee, dass man sich einfach in einer Landschaft hinsetzt und an jemanden denkt, der vielleicht da war. und ich dachte, dass es ganz geil wäre, wenn meine erinnerungen zu hause wären, wenn ich alt bin. dass ich einfach mich zu Hause fühle, wenn ich Ruhe habe über die Sachen nachzudenken, die mir passiert sind oder Musik höre, die ich irgendwann mal mochte oder mir Sachen angucke, die mir irgendwann mal was bedeutet haben.
    Ich dachte, ich würde gerne einen Raum machen, der einlädt, sich an Dinge zu erinnern, über sich selbst nachzudenken, über Sache die einem selber passiert sind.

    „A place to remember“ ist ein Ort, an dem man sich natürlich erinnern kann; aber man kann sich auch wiederum an Orte erinnern, an denen man war oder die es vielleicht nicht mehr gibt.

    Ich habe mich natürlich gefragt, in wie weit ist das jetzt wirklich ein persönlicher Raum. aber es gibt zumindest zwei Erklärungen, die ihn persönlich machen.
    Ich brauche mir zu Hause nicht unbedingt eine persönliche Welt einrichten: ich fühle mich in einem kleinen, schrottigen Hotelzimmer wohl, z.B. wenn ich Musik habe, die ich gerne mag oder wenn ich ein Buch habe, das ich gerne lese… das persönliche bei mir ist immateriell und ich habe als Kind immer tausende von Sachen gesammelt. Ich habe angefangen von Zuckertüten, wenn ich ein Kaffee trinken war, alte Briefe und Postkarten, die ich bekommen habe. Ich habe alte Postkarten gesammelt.

    Die Wohnung, in der Wir gelebt haben, war zwar ein Haus mit drei Stockwerken. mein Zimmer war im weitesten entfernt von meinen Eltern, die haben oben gewohnt und ich war im Keller. es gab neben meinem Zimmer noch zwei weitere Kellerräume, die Ich so langsam zu meinen Lagerräumen gemacht habe. Die sind eigentlich noch voll mit Sachen, die ich als Kind dort hingestellt und gesammelt habe.
    Es ist so, dass ich gerne Sachen aufhebe, an denen Erinnerungen hängen.

    In diesem Ausstellungsraum geht es mir nicht so sehr darum, dass ich diese Sachen jetzt nach Berlin hole und ausstelle, aber es geht mir mehr darum: wenn ich zu meiner Mutter fahre und suche ich eine Kleinigkeit, dann entdecke ich Tausend Sachen, die keinen Wert haben, aber an irgendeine Geschichte erinnern. So eine Reise in die Vergangenheit. Ich würde gerne als ideales Ziel sehen, dass Leute sich dahinsetzen und vielleicht Musik hören und in einem Album blättern, vielleicht mit Fotos die ihnen gar nichts sagen, aber an ihre Kindheit erinnern und daran denken.

    Ich stelle ihn mir ein bisschen so vor, wie im Prinzip eine Art Wartezimmer – nur so ein bisschen gemütlicher eingerichtet. Ich mache verschiedene Sitzecken, vielleicht so kleine Trennwände: man kann sich noch sehen aber bleibt trotzdem ein bisschen für sich und man bekommt ein Alben, wie Fotoalben, aber mit verschieden Dingen, mal mit Zeitungsartikeln, mal mit Fotos, mal mit gepressten Blumen, mal mit Briefmarken, so irgendwelche Sachen, die irgendwann jemand gesammelt hat. Man kann Musik hören, wenn man möchte und vielleicht würde ich einfach so 5-6 verschiedene Erinnerungsszenarien anbieten. Ich hoffe, die Leute nehmen sich die Zeit und setzen sich wirklich 15 Minuten hin und schauen sie sich an. Im Grunde ist es wie eine Art Katalysator, um eigene Gedanken ins Rollen zu bringen.

  13. es ist ja bekannt, dass räume unsere soziale identität unser ganzes leben lang mitformen, dadurch dass sie gefühle, werte und normen ausdrücken. unsere soziale identität wird zuerst durch einen ort beeinflusst, dessen einrichtung wir nicht selbst ausgewählt haben.

    was ich sagen kann ist, dass es zwei häuser gibt, die mich am meisten beeinflusst haben. das eine war mein elternhaus. der große einfluss dieses hauses war eigentlich ein anti-einfluss. irgendwo im hinterkopf weiß ich, dass ich nichts aus diesem haus jemals haben will, weil meine eltern in allesn dingen extrem modern und haben alles alle paar jahren gewechselt. ich würde es nicht minimalismus nennen: eigentlich, in den 70ern hatten sie diese runden dinge und dann in den 80ern diese samtsessel mit farbigen dingen und in den 90ern hatten sie diese skulpturen. das andere haus, dass mich sehr stark beeinflusst hat war das haus meiner großeltern, das das ganze gegenteil war.
    das china-porzellan-set, die umgebung, atmosphäre war sehr vornehm, europäisch, bürgerlich, sehr anders von dem draußen, von israel. alles war sehr dunkel innen, es kam kein licht durch, alles mit vorhängen und schweren möbeln. die tapete und das sofa in grün, braun und beige. in dem anderen zimmer, dem kinderzimmer, war die tapete pink mit blumen bedruckt und mit pfirsichfarbenen möbeln aus marmorimitat. es war so als hätte jeder raum sein eigenes leben, aber alle zusammen hatten nichts miteinander. wogegen mein elternhaus war wie: “oh, das ist neu! das müssen wir haben.” ohne irgendeine verbindung zum vorhergehenden. es war eklektisch auf eine schlechte art.
    ich würde sagen, dass ich heute ein eklektischer mensch bin, aber auf jeden fall auf andere art: mir ist es wichtig, dass dinge mir etwas bedeuten und ich wähle was ich für mich selbst will und nicht aufgrund äußerer einflüsse.

    also, in meiner wohnung in tel aviv habe ich einige sachen von meiner großmutter: geschirr, möbel, stoffe und andere dinge, kleine objekte, aber ich habe nichts nach berlin mitgenommen.

    in meinem ausstellungraum werde ich ein bild von meiner großmutter und meinem großvater aufhängen. ich werde sie rahmen, weil ich etwas machen wollte, das ich schon lange vorhatte und das ich machen muss – eine art gesellschaftssalon in berlin zu haben. meine großeltern kamen aus familien, die gesellschaftlich sehr angagiert waren. bevor sie europa verlassen mussten, veranstalteten sie intellektuelle und kulturelle treffen mit ihren freunden. sie waren leidenschaftliche vertreter der europäischen identität und ideen.
    seit ich hier bin, habe ich einige menschen getroffen, mit denen ich diese art salon beginnen würde. das ist, das ich wirklich machen möchte: eine bedeutende bühne für neue ideen.
    im grunde gibt es in meinem ausstellungsraum zwei zimmer, ein großes und ein kleines. das kleine, dachte ich, würde ich als kleinen erinnerungsraum nutzen, den ich schwarz färben werde und wo ich die bilder meiner großeltern anbringe.
    der ausstellungsraum heißt “noblesse oblige”, das bedeutet, dass du etwas tun musst, nur weil du bist, wer du bist.

  14. Ich mache mir Gedanken über die ehemaligen Mitarbeiter dieser bankrotten bank. was ist aus denen geworden… sind sie jetzt vielleicht arbeitslos? obdachlos? wie können sie jetzt überleben? Das wäre dann also so eine Möglichkeit, eine Möglichkeit aus Büroteilen (wie aus diesen Floppydisks: einen Arbeitsplatz zu schaffen, aber einen mobilen Arbeitsplatz, so dass sie dann weiter arbeiten können. Er ist mobil, flexibler, und gleichzeitig könnten sie drinnen wohnen.
    Ich versetze mich in die Rolle, praktisch. Ich probiere aus, was es bedeutet.
    Ich wollte mehr ein Iglu. Es geht hier mehr um Nomadentum, also die Nomaden, die sich bewegen und immer sehr wenig Geld brauchen, weil sie dahin gehen, wo etwas vorhanden ist.
    Die Trennung zwischen drinnen und draußen ist noch da, aber sie ist nicht so stark wie bei einer Wohnung. sie ist so prekär wie bei einem Zelt.
    Aber so ein Haus hat wiederum Vorteile, weil es flexibel ist, mobil, du kannst es mitnehmen.
    Das hat auch einen Notwert, denn es hat diese Floppydisks, die wie eine Körpererweiterung funktionieren oder Speichererweiterung. Auf diese Weise kann man auch Informationen von draußen speichern. So eine Art Gedächtniserweiterung.

    ————————–
    die verknüpfbarkeit von imagination und realität wird von patrick jambon untersucht. das absurde der existenz ist ihm bekannt; mit einem nonchalanten lächeln bewegt er sich in einer welt ständiger (raum)metamorphosen. die ironische verfremdung und umwertung der utensilien des alltäglichen lebens ist die künstlerische grundlage für die gestaltung der requisiten und attribute, derer sich der künstler bedient.
    Die Lebensformen der Utopie scheinen geklont, Produkte der Bioinformatik, extraterrestrisch, androgyn und von einer gleichgültigen Seeligkeit erfüllt. Menschlichkeit und Heim erscheinen als ein verunglückter Witz.

    zur vernissage zeigt jambon eine haus-kreation mit datenträgermaterial. gleich einer schuppigen rüstung bedeckten 3,5-zoll-disketten seinen körper. eine struktur aus kunststoffleisten, ebenfalls mit disketten besetzt, umgab den körper. diese struktur stand im raum, offen für jeden, der sich hineinzwängen wollte.
    (michael voets, kunstraum düsseldorf)

  15. die idee finde ich schön, da musste ich schmunzeln. ich hatte viele zimmer, aber das ist Vergangenheit. ich habe gemerkt, dass es einen Schnitt gibt.

    als ich 10 war oder so, habe ich mit meinem bruder ein zimmer geteilt, das war alleine 12 qm. wir hatten jeder einen schreibtisch und einen sessel, den man nachts zum bett ausklappen konnte. dann hatten wir noch ein tonband. wir beide haben oft musik aus dem radio aufgenommen. an die jahre kann ich mich noch erinnern, ich hatte nicht das gefühl, das ich mehr Platz brauchte.

    gut, in der wohnung davor, als ich noch nicht zur schule ging, hatten wir ein doppelstockbett, und trotzdem jeder seinen schreibtisch. viel größer war das zimmer auch nicht. in dieser zeit hat man nicht diese privatsphäre, diesen freiraum. gut, jetzt brauche ich einen eigenen raum.

    einen alten schreibtisch habe ich von meinem opa. den wollte ich immer haben. der sah so wichtig aus. aber jetzt will ich ihn loswerden. er ist so gut wie leer und wird verbrannt. möbel überleben sich auch, irgendwann will man die möbel einfach nicht mehr haben.

    hier entsteht die installation des raums aus dem gefühl heraus, weil ich mich damit befasst habe, dass andere Leute es irgendwie werden erleben. was will ich für andere leute hier herstellen? ich glaube, aus meiner überlegung heraus ist das ein sehr persönlicher raum, weil in diesem raum dann später nichts außer der betrachter selber sein wird … und ein stuhl und diese bilder. die bilder sind auch dinge. das einzige, worauf man zugriff hat, ist das optische, wohlmöglich auch das akustische, weil der lärm nicht zu unterdrücken ist. je weniger dinge im angebot sind, desto geringer ist die ablenkung. also ist jede person, wohlmöglich ein bisschen mehr gefordert, auch sich selber wahrzunehmen.

    er ist sehr hell, angenehm, er bietet durch die bildmotive auch keine handgriffsmöglichkeiten. es ist eine sehr gehobene möbelsituation. teuere möbel und von daher, vielleicht im doppelten sinne, ein traum: die man sich nicht leisten kann und in dem fall kann man sie nicht anfassen….
    es ist viel simuliert, natürlich… man kommt aber nicht in diesem raum, man kommt nicht an diesem tisch, sondern man kann sich davor aufhalten und deswegen habe ich auch den raum „vor-raum zum nach-denken“ genannt. eigentlich ist er auch ein neu geschaffener raum, in der funktion ein bisschen vergleichbar mit den ruheräumen nach der sauna, wo man sich hinlegt und die augen zumacht. zeitlich geht es hier umgekehrt. das ist ein „vor-raum“. das ist das einzige spielerei, die ich mir noch erlaube, das ich dem besucher ein bisschen auf dem weg gebe. die ganze ablenkung, denke ich, geht ins atmen oder ins denken oder ins entspannen.

    ein stuhl ist entspannter als stehen. die entfernung zur wand ist auch noch mal entscheidend – wie man die Bilder wahrnimmt. das sind keine gestochen scharfen reproduktion, das ist technisch in dem fall nicht möglich. also wenn man sehr dicht dran geht, sieht man wie sie hergestellt sind, aber wenn man in der mitte sitzt, schiebt das auge aus der entfernung alle bildpunkte sozusagen zusammen, als wäre das eine ganze fläche.

    für mich hat das eher was mit der lebenseinstellung zu tun. und wenn ich jetzt wieder zu diesem nachdenken komme, ist das ein wunsch zur klarheit. eben diese lebenseinstellung bringe ich mit, die wünsche ich mir natürlich bei der arbeit, egal welche arbeit ich mache. und gerade eben, dass so wenige dinge vorhanden sind, ist auch eine klammer dafür
    ich wünsche mir, dass sich der Besucher in diesem Raum wohlfühlt.

  16. Wir lebten bis zu meinem 3. Lebensjahr in einer Vorstadt von Porto, Portugal, und ich erinnere mich genau an unseren Garten. Ich erinnere mich an das Gefühl glücklich zu sein…

    Als ich 3 1/2 Jahre alt war, zogen meine Eltern mit uns Kindern nach Deutschland. Alles war anders, viel kleiner, enger, dunkler. Wir wohnten im Dachgeschoss eines kleinen Hauses in Salzderhelden (ein Dorf in Niedersachsen). Es gab keinen Garten, nur einen Hof. Das Gefühl, dass ich bekomme, wenn ich an diese Zeit denke, ist Einsamkeit und Trauer. Ich habe das dunkle kleine Wohnzimmer vor Augen und einen in einer Ecke stehenden alten Sessel. Meine Mutter erzählte mir später, dass ich mich nach dem Aufstehen im Schlafanzug in diesen Sessel setzte und apathisch in den Raum blickte – stundenlang. Das erste halbe Jahr in Deutschland verbrachte ich täglich in diesem Sessel. Irgendwann hatte ich mich an mein neues Zuhause gewöhnt…

    Dieselbe Wohnung, dasselbe Wohnzimmer – Jahre später: … in diesen Erinnerungen wirkt das Wohnzimmer viel heller, viel größer – auch das Sofa ist nun nicht mehr so alt….

    Meine Mutter liebte es, ihre kleine Welt ständig neu zu gestalten… Sobald mein Vater aus dem Haus ging, begann sie Möbel zu verrücken. Wenn sie sich etwas vom Haushaltsgeld abgespart hatte, dann investierte sie es in Farbe, Tapete oder Stoff für Vorhänge, Deckchen und Kissen.
    Die alte Nähmaschine, die wir für 50,00 DM von unserem Nachbarn gekauft hatten, ist durch all meine Wohnungen mitgegangen und steht heute hier in meinem Ausstellungsraum.

    Mit 17 zog ich aus – alles war plötzlich zu eng. Ich brauchte eigenen Raum! In meinem Ausstellungsraum finden Sie Bilder aus dieser Zeit. Die anderen Bilder, die Sie sehen, sind Darstellungen weiterer Wohnungen bis zu meiner Wohnsituation heute. Mein Leben besteht heute aus 2 Konstanten: Meiner Familie und der Veränderung.

    Als Architektin habe ich mich intensiv mit dem Thema „Raumindividualität“ beschäftigt und bin über diese Analysen zum Feng Shui-Studium gekommen. Mittlerweile gibt es für mich keine Architektur ohne Feng Shui – keine Landschaft ohne Feng Shui – keinen Raum ohne Feng Shui. Alles um mich herum wird, ob beabsichtigt oder nicht, nach Feng Shui-Gesichtspunkten „abgeklopft“. Selbst Sparziergänge, besuchte Wohnungen, Geschäfte provozieren in mir immer wieder die Bewertung: Gutes Feng Shui? Oder schlechtes Feng Shui? Warum fühle ich mich wohl in diesem Raum? Warum funktioniert dieses Geschäft? Habe ich die Feng Shui Gesichtspunkte aufgezählt, finde ich jeweils die Erklärung auf diese Fragen.
    Natürlich konnte auch meine Installation nicht ohne Feng Shui entstehen.
    Ich habe versucht, den Energiefluss im Raum darzustellen. Über die Farben und Materialien erkennen Sie Zuordnungen der 5 Elemente und deren Zuordnung zu den Lebensbereichen. Über die Symbole, Fotos, Skulpturen etc. erfahren Sie mehr über mein persönliches Feng Shui. Ich entblöße mich sozusagen Ihnen gegenüber indem ich mein Innerstes nach außen kehre. Sie finden meinen personifizierten Raum.

    Dadurch, dass bei einem Feng Shui-Raumkonzept der Mensch im Vordergrund steht, ist jeder Raum – ob privat oder geschäftlich – immer individueller als ein Raum, der ohne Feng Shui entsteht, weil er seinen Bewohner reflektiert. Natürlich darf man unter Feng Shui nicht das hängen von Klangspielen oder Kristallen in dafür benannte Ecken verstehen. Es geht um die Analyse der Person und um die Anwendung der für diese Person förderlichen Formen, Farben und Materialien. Die Quintessenz aller Erfahrungen ist wohl: Gute Architektur impliziert immer gutes Feng Shui!
    Wenn ein Architekt auf die Bedürfnisse des Menschen eingeht und die Fähigkeit besitzt, den Ort mit seinen Energien zu erspüren und wahrzunehmen, so wird es ihm auch gelingen, einen „Raum“ zu schaffen, in dem der Mensch sich regenerativ entwickeln kann. Kennen wir nicht alle so genannte repräsentative Gebäudehüllen in denen der Mensch keine Rolle zu spielen scheint? Stahltürme, Glaskästen hoch technisiert? Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich verehre und bewundere meine „großen“ Kollegen. Nur, manchmal fehlt mir der Mensch im Kunstwerk. Dabei wäre die Verbindung Mensch und Kunstwerk anhand von Feng Shui-Maßnahmen leicht herzustellen. Ich betrachte Feng Shui als wichtiges zusätzliches Regelwerk für die Architektur.

  17. Ich habe natürlich sehr viele Erinnerungen an die Häuser, in denen wir gewohnt haben.

    In Hamburg, in einem großen Haus. Dann auf dem Lande, in Schleswig-Holstein an der Ostsee, es war ein großes altes Herrenhaus, da waren wir immer im Sommer. Und wir waren am Tegernsee in Bayern, in einem alten Bauernhaus.
    Was ich in Erinnerung habe … tja, viel natürlich. Das Haus, das ich am liebsten mochte, war dieses bayerische Bauernhaus. Es war klein, handlich und hatte menschlich-schöne Proportionen. Das Hamburger Haus hingegen war mir ein bisschen zu groß. Es war so eine große durchgehende Halle, mit drei Stockwerken und sehr vielen Gesellschaftsräumen. Die Familie war dadurch ein bisschen getrennt: die Kinder waren in einer Etage, die Eltern waren in einer anderen Etage, und in der unteren Etage waren die Gesellschaftsräume, also der Salon und der Speisesaal usw. Und dann war das Souterrain, in dem das Personal untergebracht war. Die Familie war also durch Etagen getrennt.

    Es sind wahrscheinlich zwei Möbelstücke drin, die mir gehören. Das eine ist ein Hocker, ein ganz einfacher, der stammt ursprünglich aus dem Residenz-Theater in München… Ich besitze noch ein paar Kommoden,…und habe noch einige alte, aber sehr einfache Möbel aus dem Jahr 1810.
    Die schönsten Sachen, die schönsten Möbel wurden in dem Jahrhundert hergestellt. Und die bequemsten Möbel auch, die angenehmsten, wo man am besten sitzt… gute Sitzmöbel, die menschlichen Maßen gerecht werden, … Möbel, in denen man sich wohl fühlt.
    Ich habe mich immer für Räume interessiert: Warum ist ein Raum angenehm? Warum fühle ich mich wohl da drin?
    Es kann Räume geben, die sind mir zu heavy, zu schwer, die drücken mich. Ich muss durchatmen können. Und Goethe hatte so recht. Er sagte: ohne Ziererei und Überfluss.
    Ich brauche einen sehr einfachen Raum. Ich habe immer gesagt, das Ideale zum Leben wäre eine Mönchszelle … eine Kartause.
    Bei mir zu Hause bestehen die Wände hauptsächlich aus Büchern. Es gibt nicht viel Aufregendes drinnen, es gibt ein bisschen Platz für Bilder … Ansonsten, was brauche ich im Raum zum Leben? Was ist Wohnen überhaupt? Rumsitzen, stehen, essen, schlafen… Zum Schlafen brauche ich nicht so viel Platz, vielleicht 1×2 Meter.

    Für die Ausstellung „I House You“ habe ich eine bestimmte historische Zeit, die Biedermeier-Zeit, ausgewählt. Weil sie einfach ist und schön.
    Allerdings werde ich auch ein bisschen mit ihr brechen. Ich werde etwas hinein tun, das nicht aus dieser Zeit ist. Es wird eine bekannte deutsche Tageszeitung von heute sein, die Süddeutsche oder die FAZ …
    Mein Raum soll kein Museum sein, eher eine kleine Wohnung, sie lebt von den Menschen, die da drinnen leben, und diese Menschen leben heute.

    Natürlich ist er inszeniert.
    Zum Beispiel, eine Sache ist drin. Ein Möbelstück. Aber eigentlich ist es gar kein Möbelstück, sondern ein Ofen aus Messing. Das Original stand ursprünglich in Max Reinhardts Büro im Deutschen Theater. Ich hatte ihn auf einer Abbildung gesehen und für eine Theaterinszenierung von Hugo von Hofmannstahl nachbauen lassen. Nun ist er im Besitz eines befreundeten Antiquitätenhändlers, von dem ich ihn mir zurückgeliehen habe. (Kurzfassung des Redakteurs).

    Ich möchte mit Kerzen beleuchten; die Wände lasse ich grün malen, weil es eine ruhige Farbe ist, eine schöne Farbe. Sie erinnert ein bisschen an die Natur im Sommer… Die Möbel sind aus dunklem Holz.

    Ja. Ich mag keine Inszenierungen von Räumen, wenn Leute sich über ihren Raum inszenieren müssen. … Dann machen sie einfach zu viel.
    Ich habe mich mein ganzes Leben mit Räumen beschäftigt. Räume zu bauen, Räume, in denen man lebt oder vorgibt zu leben… Räume fürs Theater. Aber theoretisch müssen sie so stimmen, dass man sagt, sie können gar nicht anders sein. Sie müssen so genau sein, dass man sie eigentlich nicht bemerkt. Für mich ist das unsichtbare Bühnenbild das beste.

  18. Meine Erinnerung an einzelne Möbel sind nicht so stark. Mein Vater war Musiker und meine Mutter Germanistin. Es gab also bei uns viele Bücher und Bücherschränke. Dann gab es natürlich ein Klavier. Die Bücherschränke und das Klavier sind die Dinge, an die ich mich am klarsten erinnere.
    Die Bücher spielen bei uns immer noch eine große Rolle und die Musik natürlich auch. Weitere Details sind mir gar nicht mehr so gegenwärtig.
    Zumindest spielen diese Dinge in der Wohnung, in der wir jetzt leben, keine Rolle.
    Als wir uns in Berlin zusammentaten, haben wir in einem möblierten Zimmer angefangen. Daran kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Es war irgendwie zusammengewürfeltes Zeug. Kurz danach haben wir immer nur in Atelierwohnungen gelebt. Das tun wir auch heute noch.
    Der zentrale Raum der Wohnung ist das Atelier meiner Frau und dann gibt’s ringsum ein paar Räume. Die jetzige Wohnung ist schon die dritte Atelierwohnung. Die sind immer gleich geartet.
    Insofern ist von dem, was ich von zu Hause mitbekommen habe, gar nichts eingeflossen, weil die Situation eine ganz andere ist.

    Meine Frau und ich hatten nichts gegen die Art Interieur unserer Eltern.
    Wir haben nicht gesagt, so wollen wir es nicht mehr haben oder wollen es ganz anders haben. Das hat sich nicht aus Protest gegen das was vorher war ergeben, sondern einfach notgedrungen.
    Und das Merkwürdige ist, dass unsere Tochter, die nun in England lebt, zusammen mit ihrem Mann ein Atelierhaus hat. Da haben wir festgestellt, dass sie manches von uns übernommen hat, nicht weil es auch ein Atelierhaus ist, sondern auch in der Einrichtung: Sie tut so, als ob es ihre eigene Erfindung wäre… Aber wir sehen ganz genau die Parallelen. Ob das bewusst ist oder nicht, das wissen wir nicht.

    Irgendwie eine Prägung ist sicher geblieben. Es geht gar nicht. Selbst wenn man sagt, man macht alles ganz anders, dann ist man doch abhängig, weil man sie als Gegensatz braucht.

    Ich brauche kein Licht: die Skulptur ist auch in tiefster Dunkelheit vorhanden. Sie können sie ertasten, das können Sie bei einem Bild nicht. Für das Bild brauchen sie das Licht, aber für die Skulptur nicht. Ich habe vor ein paar Jahren an einer Ausstellung für Blinde und Sehgeschädigte im Museum in Hannover teilgenommen. Da sind Blinde durch die Ausstellung geleitet worden und hinterher haben sie die Skulpturen beschrieben. Diese Beschreibungen waren so präzis und so exakt. Das hätte ein Sehender nicht besser machen können.
    Das Licht, in diesem Fall, diese Glühbirne, hat natürlich u.a. die Bedeutung, sichtbar zu machen: das ist schon richtig, aber eigentlich hat sie proportional mit dieser Arbeit überhaupt nichts zu tun: sie ist viel zu groß. Und mit diesen unterschiedlichen, falschen Proportionen arbeite ich auch in der Plastik selbst. Deswegen ist diese Glühbirne eigentlich der nächste Berührungspunkt mit dem Raum und der Gegensatz, auch zwischen dieser viel zu großen Glühbirne und der Skulptur darunter. Darum geht es mir. Das ganze ist kein Modell, das man sich in groß vorstellen könnte, sondern es soll so sein wie es ist, man soll es nicht körperlich, sondern nur in der Vorstellung begehen.

    Meine Skulpturen sind dreidimensional: umgehbar, umschaubar, umgreifbar. Und hier ohne Wände. Man kann von allen Seiten eindringen. Es ist kein hermetischer Kasten… Ich will, dass der Besucher in jedem Fall erst mal um das ganze Ding herumgeht. Die Arbeit steht deswegen in der Mitte des Raums, so dass er nicht vorne und hinten unterscheiden kann.

    Er ist eigentlich so einfach, dass man gerade noch sagen kann: Tisch, Stuhl, Chaiselongue, Hocker. Er ist ohne jedes Dekor… Er ist ganz simpel.

    Er heißt… “Zimmer Frei“, d.h. niemand drin. Es ist kein besetzter Raum, das ist ein völlig offener Raum: ein gänzlich allgemeiner Raum, der gänzlich unindividuell ist. Das ist der einfachste Raum, den ich mir vorstellen kann.

  19. Das Badezimmer
    Von allen möglichen Räumen ist das Badezimmer wahrscheinlich das intimste der Innenräume, in seiner Wesensart intimer als das Schlafzimmer und doch zugleich der Raum, der am meisten Verbindung zur Außenwelt schafft – ein Vorbereitungsraum für das Erscheinungsbild in der Außenwelt. Du schläfst drinnen, kochst drinnen und isst drinnen, und nichts davon wird nach außen getragen. Das Badezimmer, die Toilette ist ein Rückzugsort, der das Notdürftigste des Menschseins gestattet – ein geschützter Raum, ein Schutzraum, der den intimen Blick auf ein mögliches Selbstbild erlaubt, ein Spiegelraum und somit potentiell auch ein Korrekturraum: Schminke, Parfums und Deodorants werden aufgetragen, Körper gepflegt, gepudert und in Form gebracht. Das Badezimmer, ein Hermaphrodit, welcher Grundbedürfnissen und Eitelkeiten gleichermaßen dient.
    Soweit, das Allgemeine. Hier, im Herzen von Paris, in einem der Appartements im dritten Arrondissement in einem Wohngebäude in einer der kleineren Nebenstraßen, auf der 4 1/2. Etage, findet sich nun unser Badezimmer; eigentlich nur ein baulicher Einschub in einen großen schlauchartigen Raum, der Wohnzimmer, Küche und eine Art Ankleide- und Vorratskammer voneinander trennt. Diese Box, die das Badezimmer bildet, besteht auf einer Seite aus einer leichten Holzkonstruktion mit japanischen Papierwänden, einer baugleichen Tür in der Seitenwand und einer Art eingemauertem Bullauge auf der Gegenseite, welches, eigentümlich in seiner Form und Funktion, die typische autark-milchige Geschlossenheit von Badezimmern aufhebt und ebenfalls in seinem Stil japanisch anmutet. So haben meine australische Partnerin und ich den Raum und das Badezimmer vorgefunden, als wir es von dem französischen Eigentümer anmieteten. Der wiederum vermietete das Appartement, da er mit seiner japanischen Freundin für ein Jahr nach Japan übersiedelte – der Wohnraum ist somit zugleich auch Symbol und Versatzstück zeitgenössischer, wenn man so möchte, globalisierter Lebensauffassung.
    In seiner Funktion dient auch dieses Badezimmer den immer gleichen Zwecken, in seiner Entstehung und Nutzung erzählt es eine eigene Geschichte, steht für eine Internationalisierung des Geschmacks, eine Auflösung der Wohnkonvention innerhalb bestimmter Kulturräume, und verweist in seinem Innersten dann doch auf die Notwendigkeit, einem Funktionsanspruch zu genügen: Isoliertheit, Luft- und Lichteinfall und effiziente Nutzung des Gesamtraumes, im Kern – Waschraum, Bedürfnisraum, Pflegeraum: Intimitätszone.

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