Ich habe Eugenio irgendwann vergessen. Ich konnte mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern. Er verschwand einfach hinter neuen Kulissen in meinem Leben. Nur seine Wohnung blieb aus irgendeinem Grund wie ein Platz der Muse in meinem Kopf. Sobald ich an das Wort Wohnung denke, betrete ich in meinen Gedanken durch einen kurzen Vorraum sein Arbeitszimmer, dann die Küche mit Salon. Seine Wohnung ist bei mir zu einem Symbol geworden. Warum das so ist, versuche ich im Folgenden zu verstehen.
Ich traf ihn in einer typisch römischen Salumeria. Irgendwann 1992. Ich kam nach Rom um zu schreiben, veröffentlichte aber nichts und war gerade wieder pleite. Die Salumeria lag um die Ecke meiner Wohnung. Ich besuchte sie fast täglich, wollte wie so oft nur mal riechen, ein tiefes Fleisch-Lüftchen umsonst schnappen, als diesmal ein Mann neben mir meinte: „Das Beste ist umsonst. Sie riechen immer besser als sie schmecken können“. Auch er kam nur zum Riechen hier rein, er war Vegetarier und gönnte sich hier nur das Fleischaroma. Er lud mich anschließend in ein Restaurant ein und wir unterhielten uns über die eigentümliche Würze der kalabrischen Würste. Er schien auf diesem Gebiet ein Experte zu sein. Eugenio erzählte mir, dass sein Bruder jedes Jahr ein großes Schlachtfest zu Hause in Kalabrien veranstaltete und ihm seit Jahren selbst gemachte Wurstwaren nach Rom mitgab. Dass er Vegetarier war, ignorierte die ganze Familie aus Scham. Eugenio nahm es hin. So hatte er sich irgendwann zu einem Wurstaromaexperten entwickelt. Ich bekannte mich stolz zum Fleischessen und er lud mich zu sich zu einer Essprobe ein. Erst ganz am Schluss erfuhr ich übrigens, dass er auch Drehbücher schreibt, Regie führt und Schauspieler ist. Uns trennten 22 Jahre voneinander.
Eines Abends besuchte ich Eugenio danach in seiner Wohnung. Sie lag südlich des Zentrums. Ich fiel direkt mit der Wohnungstür in seinen Arbeitsraum, der gleich durch eine halbhohe Wand hervortrat. Die Wände waren voll mit Filmplakaten und Beweisfotos, auf denen er mit berühmten Schauspielern und Filmleuten zu sehen ist, mit Ideen, Konzepten und Unmengen an Zettelchen, die von unentwegten Gedankenreisen erzählten. Eine wahre Informationsflut. Am Übergang zum Salon stand schon der pikante Wurstgeruch. Die verwinkelte Wohnung schien in jeder Ecke ein Geheimnis zu hüten. Möbel hatte er nicht viele. Jedenfalls war nicht viel von ihnen zu sehen. Ich nahm sie beinah nicht wahr. Die vielen Bücher standen irgendwie von selbst an der Wand – aufgeschichtet in Schichten von Geschichten, dazwischen Manuskripte von ihm. Vom Schreibtisch war fast nichts zu sehen, selbst die Schubfächer waren zum Teil von heraushängendem Papier verhüllt.
Eugenio zog mich an der Hand über die Aromaschwelle in den Salon, der auch eine Küche war. Hier hingen zwischen Bildern, Fotos und Plakaten duftende kalabrische Würste. Töpfe, Pfannen, Kellen, Messer und auch wieder die Würste von der Decke teilten den Wohnraum vom Kochbereich ab. Auf dem Tisch hatte er schon ein Tablett voller Kostproben vorbereitet. Wir begannen das Essen. Zu jedem Happen gab er eine Information. Er hatte das theoretische Wissen, ich die praktische Erfahrung. Dabei wanderte ich mit den Augen über die Details an der Wand. Eugenios Wohnung war ein Labyrinth seiner Lebensindizien. Es hing alles da. Sichtbar, sein Innenleben, seine Gedanken. In Teile zerlegt, die ich neu kombinieren konnte. Ich glaube, seit ich seine Wohnung betreten hatte, habe ich ihn nicht ein mal wirklich angesehen. Ich starrte den ganzen Abend an seine Wände und war überwältigt von den würzigen Aromen. Wir redeten auch noch über Drehbücher und Filme. Er erzählte mir von seiner neuen Idee. Dabei schaute ich aus dem Fenster wie ein gekentertes, verschlucktes Schiff aus einem Wal. Dort draußen schien plötzlich alles leer zu sein. Komischerweise küssten oder berührten wir uns nicht. Der Abend war wie eine Jagd – er legte die Spuren und ich folgte ihnen, und verirrte mich.
Seit diesem Abend haben wir uns nur noch übers Telefon unterhalten. Auch in der Salumeria war er nicht mehr. Dann musste er zum Drehen weg und ich ging zurück nach Deutschland. Ich habe Eugenio in seiner Wohnung verloren. Habe ihn dort in einem der Winkel vergessen. Er hat sich dort irgendwie selbst demontiert in seinen Lebensspuren, die ich im Kopf immer wieder aufnehme, die mich aber nie wirklich zu ihm führen. Ich habe Eugenios Wohnung als seinen Lebensbeweis bewahrt, exemplarisch für ihn. Wenn ich versuche, mich an ihn zu erinnern, sehe ich sein Wohnhaus. Wie er aussieht, weiß ich immer erst, wenn ich auf ein Foto sehe, das er mir ein paar Jahre später nach Deutschland geschickt hatte. Ein Bild von ihm mit Benigni und Moretti.
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