Diktat-ur

 

Antrag auf Gewährung einer Kannversorgung (Performative Soundinstallation)

Wojciech Stamm: Antrag auf Gewährung einer Kannversorgung (Performative Soundinstallation)

Diktieren wird unter heutigen Gesichtspunkten als mündliche Weitergabe eines Textes zum Verschriftlichen aufgefasst. Die ursprüngliche Bedeutung Befehlen wird erst in zweiter Bedeutungsebene angegeben. Ein semantischer Verdrängungsakt des zivilhistorischen Bewusstseins?

 

Stamm geht in seiner Performance, die aus einem Theaterstück herausgelöst wurde, noch ein Stück weiter. Diktiert wird ein bereits verschriftlichter Text, ein Brief des Versorgungsamts Ravensburg an seinen polnischen Großvater mit dem Betreff „Antrag auf Gewährung einer Kannversorgung“. Die mündliche Wiedergabe zum nochmaligen Verschriftlichen entleert den bürokratischen Schreibakt ganz und gar. Macht ihn lächerlich. Mehr noch: Das Diktat wird zum Anlass einer sexuellen Erregung sowohl des Diktierenden als auch der Schreibenden. Jeder Besucher hat die Möglichkeit, den Brief des Herrn Hartmann durch ein Diktat über Kopfhörer auf der Schreibmaschine wieder und wieder zu verschriftlichen. Die Buchstabierweise der polnischen Wörter spielt dabei eine wesentliche Rolle. Hier entfaltet Stamm ein wenig seine deutsch-polnische Geschichte.

Das Diktat als kategorischer Akt der Amtsgewalt wird durch die Ekstase negiert. Diktieren wird in direkten Zusammenhang mit Herrschaft gebracht. Das andauernde Verschriftlichen und damit (Er)zeugen ihrer Ausübung wird zur Methode ihrer Abschaffung und zur zivil-therapeutischen Gedächtnisarbeit.

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