Wird aus Sparsamkeitsgründen der Text in einem Schriftstück getilgt und es danach wieder beschrieben, wird von Palimpsest gesprochen. Eine übliche Methode in der Antike und im Mittelalter. Moderne Techniken können die getilgten Texte aber wieder rekonstruieren. Scheinbar Verlorenes wurde ungewollt in ‚unteren Informationsschichten’ über Jahrhunderte gespeichert – beinah allegorisch zum menschlichen Gedächtnis.
Menze und Ladenburger haben während einer Kehrwoche in einer schwäbischen Kleinstadt eine öffentliche Performance veranstaltet, in der einer schrieb und der andere tilgte. Ein Palimpsest des
alltäglichen Wortschatzes sozusagen. Aus Verkehr wird zerrt, dann Vorgarten, morgens, Organspende und so weiter. Durch den Akt des Überschreibens werden die für jedermann gebräuchlichen und mehr oder weniger unspektakulären Begriffe in eine Unterebene verschoben, in der sie eine Pseudo-Semantik erhalten. Die Tilgung entzieht ihnen die reale Bedeutungsebene. Man könnte sagen, das vokabular des Zivilisationsalltags liegt so im Unbewussten, liegt so lange verschollen, bis man es irgendwann Schicht für Schicht wieder an die Oberfläche bringt. Das gleicht einer Reversion der Sprachgeschichte, einer Umkehrung von Wort und Bedeutung.
Abgelegt unter : 01 zivilgeneratur | Mit Tag(s) versehen: Astrid Menze, gebräuchliche Wortbedeutungen, Kehrwoche, Palimpsest, Staubsauger, Thomas Ladenburger

